Der Einsatz von Baclofen-Pumpen in der neurologischen Therapie

29.10.2018

Dr. Sc (VAK Kiew) Jakob Bargak - IPK - Intensivpflegeklink Schwaig und Hersbruck

 

Bei schwerstpflege- und intensivpflegebedürftigen Patienten liegt in vielen Fällen, beispielsweise aufgrund einer traumatischen Hirnverletzung oder eines schweren Schlaganfalls, eine Beschädigung des Gehirns oder des Rückenmarks vor. Ist der Teil des zentralen Nervensystems betroffen, der die willkürlichen Bewegungen kontrolliert, treten typischerweise eine Spastik beziehungsweise Spasmen auf. Darunter versteht man Verhärtungen und Versteifungen der Muskeln. Eine Spastik entsteht, wenn der Signalfluss zwischen dem Cortex und den tiefliegenden Stammganglienstrukturen unterbrochen wird. Es entsteht ein Ungleichgewicht zwischen Beugungs- und Streckungsmuskulatur, welches die Spasmen verursacht. Muskelspannung, Bewegungen, Empfindungen und Reflexe verändern sich.

 

 

Da die Sprech- und Schluckmuskulatur ebenfalls betroffen ist, treten bei den Patienten typischerweise auch Schluck- und Sprachstörungen auf. Nicht selten wirken die Patienten zudem in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt. Dies kann motorisch bedingt sein und an verlangsamten Reaktionen liegen. Zu den Folgeschäden einer Muskelspastik gehören Schmerzen, Angst und Depressionen. Aufgrund dauerhafter Fehlhaltungen treten Gelenkdeformationen und Unbeweglichkeiten, Durchblutungsstörungen, schmerzhafte Druckgeschwüre, Osteoporose, periphere Nervenschädigungen, Empfindungsstörungen sowie erhöhte Infektions- und Entzündungsrisiken auf.


Eine Spastik kann durch orale Medikamentengabe oder Injektionen kontrolliert werden. Allerdings wirken diese in manchen oder besonders schweren Fällen nicht hinreichend, verursachen Unverträglichkeiten oder führen zu unerwünschten Nebenwirkungen wie Schwäche, Übelkeit und Benommenheit. Zudem nimmt die Wirkung von Tabletten bei regelmäßiger und längerfristiger Einnahme im Zeitverlauf ab, so dass der Arzt die verabreichte Dosis immer wieder erhöhen muss. Zu den häufig eingesetzten und bewährten Medikamenten gegen eine Spastik gehört das Muskelrelaxans Baclofen (Medikamentenname Lioresal® Intrathecal).


Durch den Einsatz einer Baclofen-Pumpe macht man sich dessen Wirksamkeit in Kombination mit einem innovativen batteriebetriebenen und programmierbaren Medizinprodukt zu Nutze, um die Nachteile der oralen Einnahme auszumerzen beziehungsweise zu minimieren. Die Baclofen-Pumpe wird durch einen chirurgischen Eingriff in den Bauchraum unter die Haut implantiert. Die Pumpe gibt über einen an sie angeschlossenen dünnen Schlauch (Katheter) flüssiges Baclofen bedarfsgerecht direkt in das Nervenwasser ab.


So wird eine weitaus geringere Dosis des Medikaments benötigt, als bei der oralen Einnahme. Der Wirkstoff in einer Tablette muss erst ins Blut aufgenommen werden und durch den ganzen Körper in das Rückenmark wandern. Ein Großteil davon verbleibt sogar im Blutkreislauf. Bei der Baclofen-Pumpe kommt das Medikament direkt dort an, wo es am besten wirkt. So kann die Baclofen-Dosis im Vergleich zur Eingabe über Tabletten um ein hundertfaches reduziert werden – bei gleicher Wirkung. Nebenwirkungen können so minimiert und gering gehalten werden. Die Baclofen-Pumpe wird elektronisch über Funkübertragung eingestellt. Somit wird sichergestellt, dass der Patient immer zur richtigen Zeit die genau auf seinen individuellen Bedarf abgestimmte Dosis des Medikaments erhält.

 

 IPK Intensivpflegeklinik Baclofenpumpe neurologische Therapie 3


Intensivpflegepatienten mit einer Hirnschädigung leiden in vielen Fällen unter einer Spastik oder Spasmen, die die funktionellen Fähigkeiten, den Wechsel der Körperhaltung und die täglichen Aktivitäten stark einschränken und beeinflussen und somit deren Pflege und Versorgung erschweren. Unsere langjährige Erfahrung zeigt, dass die Patienten von der Behandlung und Therapie mit der Baclofen-Pumpe auf mehrfache Weise profitieren können. Auch verschiedene Studien belegen dies. Die Behandlung mit der Pumpe kann zu signifikanten Reduktionen sowie einer langfristigen Linderung der Spastik und Spasmen führen. Der Einsatz der Pumpe fördert zudem die Unabhängigkeit und verbessert die Lebensqualität der Patienten. Alltägliche Tätigkeiten wie die selbstständige Nahrungsaufnahme, das Sitzen oder das Ankleiden können wieder ermöglicht werden. Mobilität und Hygiene werden erleichtert und verbessert. Studien belegen ebenfalls, dass auch die Betreuungspersonen mit den Ergebnissen des Pumpeneinsatzes zufrieden sind. Die IPK Intensivpflegeklinik arbeitet mit allen drei in Deutschland zugelassenen Herstellern (Tricumed, Medtronic und Codman) zusammen und hat aktuell bei 20 ihrer Patienten Baclofen-Pumpen im Einsatz.


Unabhängig vom Einsatz der Baclofen-Pumpe sind Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie eine sinnvolle und notwendige Ergänzung bei der Behandlung von Muskelspasmen bei schwerstpflege- und intensivpflegebedürftigen Patienten. Der Mensch sollte stets ganzheitlich und individuell betrachtet, versorgt und behandelt werden.

 

IPK Intensivpflegeklinik Baclofenpumpe neurologische Therapie1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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